Dieses Blog durchsuchen

Helga König im Gespräch mit PA Dr. Anselm Grün über sein Buch "Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen"- Vier-Türme-Verlag

Lieber PA Dr. Anselm Grün, dieser Tage habe ich Ihr Buch "Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen" auf Buch, Kultur und  Lifestyle" rezensiert. Dazu möchte ich Ihnen heute einige Fragen stellen.


Helga König: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Abtei Münsterschwarzach, wo Sie leben und wirken, 38 Flüchtlinge aus Syrien, Iran, Irak und Eritrea aufgenommen hat. Welche neuen Erkenntnisse haben Sie in den Gesprächen, die Sie mit diesen Menschen geführt haben, gewonnen?

 PA  Dr. Anselm Grün
PA  Dr. Anselm Grün:  Die Menschen sind sehr dankbar, dass sie bei uns wohnen können. Und sie lassen sich gerne auf die klösterliche Atmosphäre ein. Manche sagen, dass sie dadurch Druck von ihren Angehörigen bekommen, dass sie in einem christlichen Kloster wohnen. Da spürt man auch die mangelnde Toleranz in ihren Herkunftsländern. Die Gespräche sind sehr bereichernd. Man lernt einfach die Menschen kennen, die offen sind und gerne auch gehört werden möchten mit ihren Anliegen. Die Integration in kleinen Gruppen ist sicher viel einfacher als in großen Gruppenunterkünften. 

 Helga König
Helga König: Angst ist im Gegensatz zur Furcht stets irrational, insofern kann man ihr mit Argumenten nur schwer beikommen. Woher kommt diese diffuse Fremdenangst hierzulande und wer scheint besonders anfällig dafür zu sein? 

PA  Dr. Anselm Grün:  Natürlich hat die Fremdenangst manchmal auch ihre Berechtigung, wenn eben Flüchtlinge traumatisiert sind und Straftaten begehen. Aber gegen diese Angst kann man konkret vorgehen und bessere Integrationsmaßnahmen treffen. Die diffuse Angst verweist immer auch eine innere Struktur der Menschen. Da werden alte Ängste angesprochen. Und es ist eben oft die Angst vor dem Fremden in sich selbst. Man hat Angst, sich selbst anzuschauen. Der Fremde wäre ja ein Spiegel, in dem ich das Fremde in mir selbst erkennen könnte. Doch viele möchten nicht in den Spiegel schauen und lieber den Spiegel zertrümmern. Doch das hilft ihnen nicht weiter. 

Helga König: Sie schreiben, dass es in der griechischen und römischen aber auch in der germanischen Kultur eine Ambivalenz zu Fremden gab. Können Sie das kurz erläutern? 

PA  Dr. Anselm Grün: In allen drei Kulturen war das Verhältnis zum Fremden ambivalent. Man hatte auf der einen Seite Angst vor dem Fremden. Aber diese Angst wurde überwunden, indem man den Fremden zum Gastfreund verwandelte. Das lateinische Wort "hostis" war früher ein Wort, das dem Fremden und den Gast bezeichnete. Später bezeichnete es dann allein den Feind. Der Gastfreund wurde dann "hospes" genannt. 

Helga König: Die christliche Tradition mahnt uns alle, Fremde gut aufzunehmen und sie auch gut zu behandeln. Was unternimmt die Kirche, um schon bei Kindern diffuse Fremdenängste zu mindern?

 PA  Dr. Anselm Grün
PA  Dr. Anselm Grün: Kinder sind normalerweise offen für fremde Kinder. In den Kindergärten gehen einheimische und fremde Kinder gut miteinander um. Aber die einheimischen Kinder müssen unterstützt werden,wenn sie manche fremden Verhaltensweisen der Flüchtlingskinder nicht verstehen oder sich von ihnen bedrängt fühlen. Am besten kann man die Ängste nehmen, indem man die Begegnungen mit den fremden Kindern ermöglicht, aber zugleich auch begleitet und darüber offen spricht.  

 Helga König
Helga König: Weshalb sind es gerade rechtsradikale Gruppierungen, die Fremdenängste schüren?

PA  Dr. Anselm Grün:  Rechtsradikale Gruppen sind meistens sehr nationalistisch. Sie wollen die eigene Nation verherrlichen und betreiben dann oft eine ideologische Hetze, als ob die Fremden die eigene Nation zerstören. Zeichen einer reifen Nation ist immer gewesen, auch Fremde zu integrieren. Das war schon in der Antike so. Athen war offen für Fremde und entwickelte dadurch eine hohe Kultur, die auch bereichert wurde durch die Fremden. Sparta verschloss sich gegenüber Fremden und ging deshalb unter.

Helga König: Sie schreiben, dass Geflüchtete großherzige Gespräche und Gastfreundschaft benötigen. Geiz und Gier zwei zentrale Momente der neoliberalen Gesellschaft stehen dem entgegen. Wo muss man ansetzen, um den Werte der Gastfreundschaft und der großherzigen Gespräche für alle wieder attraktiver zu machen?

PA  Dr. Anselm Grün:  Es muss uns klar sein, dass Geiz und Gier uns selbst schaden und unsre Lebensqualität verschlechtern. Gastfreundschaft ist nicht nur ein Dienst an den Flüchtlingen. Sie tut auch uns gut. Sie beschenkt uns und macht uns reicher. Es geht letztlich darum, zu überlegen, was unser Leben wirklich wertvoll macht. Der Wert der Gastfreundschaft ist so ein Wert, der unser Leben wertvoller macht. 

Helga König: Die Ablehnung des Eigenen und der Hass auf das Eigene, kann in der Kindheit schon dazu führen, dass ein Mensch den Hass nach außen wendet, schreiben Sie. Weshalb kann ein Mensch Hass auf das Eigene haben? 

 PA  Dr. Anselm Grün
PA Dr. Anselm Grün:  Menschen haben Hass auf das Eigene, weil sie sich ständig mit andern vergleichen und das Gefühl haben, dass sie zu kurz gekommen sind, dass sie nicht so ideal sind, wie sie sein möchten, dass sie im Blick auf andere benachteiligt sind. Und dieser Hass auf das Eigene wird dann auf andere projiziert, von denen man das Gefühl hat, dass man sich nun mehr um sie kümmert. 

Helga König: Was ist das Fremde in uns, was wir erkennen sollten? 

PA Dr. Anselm Grün:  Das Fremde in uns sind unsere Schattenseiten, also unsere verdrängte Wut, unsere verdrängten Emotionen und all das, was wir ausgeschlossen haben, weil es uns nicht als gut und hoffähig erscheint. Wir wollen nach außen gut dastehen. Und alle Emotionen und Leidenschaften, die uns peinlich sind, die unser Image nach außen verdunkeln, die schließen wir aus. Die bilden dann das Fremde in uns, das wir anschauen sollten. 

 Helga König
Helga König: "Jede Bewegung, die in unserer Gesellschaft entsteht, sagt etwas darüber aus, was bisher in der Gemeinschaft verdrängt wurde,“ so Ihre Worte. Wurde Ihrer Meinung nach die NS-Zeit zu wenig aufgearbeitet, was lief schief? 

PA  Dr. Anselm Grün:  Die 68-Generation hat gezeigt, dass die NS-Zeit zu wenig aufgearbeitet worden ist. Mitscherlich hat das Buch geschrieben "Die Unfähigkeit zu trauern". Wenn das Unrecht, das geschehen ist, nicht betrauert wird, erstarrt die Gesellschaft. Wenn wir das, was in der NS-Zeit passiert ist, nicht betrauern, dann werden wir starr auch heute. Und bei den Rechtsradikalen spürt man, dass sie die NS-Zeit eher verherrlichen möchten, aber auf keinen Fall sich der Wahrheit dieser Zeit stellen möchten. 

Helga König: Wie können sich weniger gebildete Menschen ihrer eigenen Identität bewusst werden?

PA Dr. Anselm Grün:  Jeder Mensch hat eine unantastbare Würde. Und wenn ich meine Würde spüre, meinen Wert als Mensch, dann braucht es keine lange Bildung, sondern einfach das Gespür für das Menschsein und für die eigene Identität. Die religiöse Einsicht, dass wir alle Kinder Gottes sind, ist da schon eine Hilfe, die genügt, um seine eigene Identität zu finden. 

Helga König: Weshalb eignet sich das Verhalten der Benediktiner Fremden und Flüchtlingen gegenüber so vortrefflich als gutes Beispiel für einen generellen Umgang mit Fremden und Flüchtlingen hierzulande? 

 PA  Dr. Anselm Grün
PA Dr. Anselm Grün:  Der hl. Benedikt hat schon im 5. Jahrhundert die Gastfreundschaft als wesentliche Haltung für die Benediktiner beschrieben. Kein Kloster soll ohne Gäste sein. Gastfreundschaft ist für Benedikt konkrete Auslegung des Evangeliums. So haben die Benediktiner über 1500 Jahre eine Kultur der Gastfreundschaft entwickelt, die uns allen gut tut.

Lieber PA Dr. Anselm Grün, ich danke Ihnen herzlich für das  aufschlussreiche Gespräch.

Ihre Helga König

Überall im Fachhandel erhältlich